Mein Name ist Norbert Schwarz, genannt Nobby, und ich bin einer der 246.728 Mitarbeiter von P.M. Jersey. Meine Firma ist eine international agierende und renommierte Dienstleistungsgesellschaft für Fondsgesellschaften. Ganz schön stressiger Job, den wir da machen, das könnt ihr mir glauben. Aber dazu später mehr. Warum ich jetzt Tagebuch führe? Weil ich Unglaubliches erlebt habe, das ich unbedingt festhalten muss.
Ich arbeite seit ungefähr drei Jahren in einem Team von ca. 15 Personen, von denen die meisten aus unterschiedlichen Ländern stammen. Wir sind nun mal, wie gesagt, eine internationale Firma. Meine Kollegen und ich haben nicht viel gemeinsam, wir machen den Job fast alle nur wegen des Geldes, denn davon bekommt man hier viel. Nur ich leider nicht, denn als ich damals hier anfing, wusste ich noch nichts davon und habe für den niedrigsten Lohn angefangen, den sie Neueinsteigern bieten. Tja, dumm gelaufen. Manchmal ärgere ich mich darüber, aber meistens bin ich froh, dass ich überhaupt einen Job habe.
Wir machen fast täglich Überstunden, und dadurch komme ich natürlich spät nachhause. Das bedeutet leider auch, dass ich keine Zeit für eine Freundin habe, geschweige denn, mir eine zu suchen. Obwohl ich gerne nicht mehr so alleine wäre. Aber wenn ich dann am Wochenende endlich in meiner Stammkneipe aufkreuzen kann, bin ich froh, wenn mein kaltes Bierchen vor mir steht und mich niemand mehr nervt. Ausgelaugt und müde fühle ich mich.
Vor ein paar Wochen habe ich mich dann endlich mal getraut, mein Leben zu ändern. Ich bin heute noch stolz darauf, obwohl mir in der Zwischenzeit ein ordentlicher, unfassbarer Strich durch die Rechnung gemacht wurde, denn dieser Schritt bedeutete für mich, dass ich meinen inneren Schweinehund überwinden konnte und zum ersten Mal in meinem Leben tatkräftig etwas eingefordert habe. Nämlich mehr Gehalt und eine Beförderung.

Zunächst hatte mein Chef den Termin für ein Gespräch immer wieder verschoben. Dann fand er aber endlich statt, der große Tag, an dem ich es mir beweisen würde. Und tatsächlich, der Chef, Herr Nonnweiler, nickte einfach nur ständig mit dem Kopf, schaute ab und zu auf seine Uhr, und ließ mich reden. Ich spulte meinen auswendig gelernten Text ab und versuchte, alles so natürlich wie möglich klingen zu lassen und irgendwann machte es mir sogar Spaß. In der Zwischenzeit tippte Chef Nonnweiler auf seinem Computer herum und erklärte, er schreibe gerade an meiner Beförderungsemail, wodurch ich, stolz und aufgeplustert, meinen kaum mehr einzudämmenden Redeschwall seinen Schreibtisch überschwappen ließ. Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren war, aber Herr Nonnweiler lauschte und tippte und stimmte allem zu.
Als ich schließlich meinen kleinen Vortrag zu den Gründen für eine mir zustehende Gehaltserhöhung beendet hatte, machten wir auf seinen Wunsch hin zunächst eine kleine Kaffeepause. Später rief er mich wieder zu sich und erklärte mir, er habe sich um alles Gedanken gemacht und wolle einer kleinen Gehaltserhöhung zustimmen. Die Emails an die Personalabteilung seien bereits geschrieben, und er würde sie gleich am nächsten Tag abschicken. Die Erhöhung, die er mir nannte, lag zwar weit unter dem, was ich gefordert hatte, aber es war immerhin besser als nichts und ich war zu stolz auf mich selbst, um darüber Trübsal zu blasen. Ich konnte ja nicht ahnen, was am Ende des Tages geschehen würde...

Als ich mich abends - wie schon so oft - freiwillig melden musste, in einem anderen Team auszuhelfen, war mir mal wieder bewusst geworden, dass ich mit meinen drei Jahren Zugehörigkeit zur Firma schon einiges gelernt hatte. Ich hatte ja auch schon zweimal das Team gewechselt und war somit mit den Prozessen von einigen anderen Abteilungen gut bis sehr gut vertraut. Die Kolleginnen dieses Teams waren teilweise neu, bis auf eine, die ich zwar schon oft gesehen hatte, mit der ich aber noch nie ein Wort gewechselt hatte. Soweit ich weiß, heißt sie Cilly. Sie ist die Betriebsälteste des Teams, aber niemand nimmt ihr das ab, sie lässt sich einfach von allen unterbuttern. Vielleicht ist sie auch einfach nur dumm, was weiß ich, ich kenne sie ja nicht.
Deren Chef, Herr Brügge, hatte mal wieder von mir verlangt, in seinem Team nach dem Rechten zu sehen und dafür zu sorgen, dass die Damen alle Arbeiten richtig erledigten. Das Blöde daran war, dass ich das gar nicht überprüfen konnte, weil mir die notwendigen Zugangsberechtigungen dazu fehlten. Diese hatte ich, um den Job erledigen zu können, extra von ihm angefordert und ihn mehr als einmal daran erinnert. Daraufhin hatte er mich mehr als einmal an irgendwelche Fehler erinnert, die ich angeblich begangen hatte, was aber nur daran lag, dass ich diese Zugangsberechtigungen immer noch nicht hatte. Schon einige Male hatte ich mich darüber bei meinem Chef beschwert, aber der war stets achselzuckend ausgewichen und hatte mich gebeten, mir keine Gedanken darüber zu machen. Schließlich sei er ja für meine Mitarbeiterbeurteilung zuständig und da ich in seinem Team keine Fehler begangen habe, sollte mir das Verhalten des anderen Chefs keine Sorgen bereiten. Außerdem müsse der Job ja dennoch erledigt werden und dafür sei ich nun mal der beste Mann. Darüber hinaus bezahle man mir ja auch sämtliche Überstunden.
Manchmal glaube ich, ich bin einfach der Doofe, den sie für alles einspannen können. Also mache ich meinen Job so gut es geht und hoffe, dass alles seinen rechten Weg einschlägt.
Was sich manchmal als Fehler herausstellt. Denn als ich an diesem Abend den Damen mal wieder über die Schultern guckte, um nach dem Rechten zu sehen, lief Herr Nonnweiler, diesmal selbst noch spät im Büro, pfeifend an mir vorbei. „Die Emails kommen morgen raus, versprochen!”, rief er mir noch zu und verschwand dann im Treppenhaus.
Als ich eine halbe Stunde später endlich in der hauseigenen Tiefgarage in mein Auto einsteigen konnte, war ich schon ziemlich müde. Ich fragte mich, warum er eigentlich einen Tag damit warten wollte, die Emails abzuschicken, aber vielleicht war er ja so wie ich. Manchmal hebe ich mir das Senden von Emails für den nächsten Tag auf, wenn sie nicht ganz so wichtig sind, weil ich sie dann noch einmal kontrolllesen kann. Nur zur Sicherheit, denn manchmal schreibt man in der Eile ja genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich ausdrücken will, zumindest ist das bei mir so. Und genau in diesem Moment des Nachdenkens und Rückwärts-aus-der-Parklücke-fahrens machte es „RUMMS”.
Was zum Kuckuck war das? Ich stieg sofort aus und sah nach. Was ich da sah und was ich danach tat, kann ich bis jetzt nicht so richtig begreifen. Es konnte wohl nicht anders kommen. Das war mein Schicksal. Ich war schon immer einer und würde immer ein Tollpatsch bleiben: Da hatte ich gerade den einzigen Chef überfahren, der mir jemals eine Gehaltserhöhung erteilt hatte. Verdammt, warum passierte so etwas immer mir?
Einen Moment lang zögerte ich noch, dann aber tat ich das, was mir in dieser Situation als das einzig Richtige erschien: Ich musste meine Gehaltserhöhung retten, ich hatte sie verdient! Soweit ich wusste hatte Chef Nonnweiler keine Familie und niemanden, der ihn zuhause vermissen würde. Also hob ich ihn mit aller Kraft vom Boden auf, setzte ihn auf den Beifahrersitz und schnallte ihn an. Dann fuhr ich mit ihm zu mir nachhause. Er liegt, während ich diese Zeilen schreibe, in meiner Tiefkühltruhe und friert langsam ein. Was zum Geier habe ich mir dabei gedacht und was - zum Teufel! - soll ich jetzt unternehmen?


– Fortsetzung folgt –