Ein Drache im Garten

„Es ist schönes Wetter und du wirst jetzt in den Garten gehen und dort weiterspielen“, befahl Mama. „Keine Widerrede!“, fügte sie noch schnell hinzu, denn sie wusste, dass Darius dazu keine Lust haben würde.
„Ich WILL aber nicht!“, gab Darius wie erwartet zurück und stampfte auf den Boden. Da hatte Mama eine Idee.
„Darius, hör mal. Ich habe eben im Garten einen kleinen Drachen gesehen, der Feuer speien wollte. Kannst du bitte mal nachsehen und den kleinen Drachen bekämpfen?“, bat sie ihn.
„Was? Ich soll gegen einen Drachen kämpfen?“, fragte Darius erstaunt. „Das kann ich doch nicht, ich bin doch noch ein Kind!“
„Ja, aber der Drache ist doch auch noch ein Kind. Kannst du nicht versuchen, ihn mit Schwert und Schild in seine Schranken zu verweisen? Wir können uns ja gern den Garten mit ihm teilen, aber er darf ihn nicht für sich alleine haben!“, fand Mama und Darius stimmte ihr zu. Sie hatte Recht, denn schließlich befand sich im Garten seine Rutsche, sein Sandkasten und sogar seine Schaukel. Das alles sollte jetzt alleine dem Drachen gehören? Nein, das wollte er nicht zulassen.

Sofort zog er seine Schuhe an und lief nach draußen. Vorsichtig sah er sich um. Mama hatte ihm gar nicht gesagt, wie so ein Drache aussah. Bestimmt war er doch recht groß für ein Kind und grün am ganzen Körper. Vielleicht hatte er sogar ein klein wenig Ähnlichkeit mit einem Dinosaurier.

„Drache“, rief Darius zögerlich. Er hatte doch ein wenig Angst, aber dann fiel ihm ein, dass er ja noch gar keine Waffen trug. Schnell hob er einen kleinen Zweig auf und streckte ihn in die Luft, um ihn sich genauer anzusehen. Potzblitz! Der kleine, mickrig erscheinende Zweig verwandelte sich plötzlich in seiner Hand zu einem mächtigen Schwert. Ha! So würde er sicherlich den Drachen besiegen können.

„Kleiner Drache, wo bist du?“, rief Darius jetzt laut. Aber dann dachte er daran, dass Mama gesagt hatte, dass der Drache Feuer speien wollte. Wie sollte er sich denn auch noch gegen Feuer schützen? Er brauchte unbedingt einen Schild.

Es dauerte einen Moment, bis er unter einem Baum kurz vor seinem Sandkasten ein magisches Blatt fand. Er wusste genau, was er jetzt zu tun hatte. Schnell hob er das Blatt auf, und streckte es ebenfalls in die Luft, wie er es schon mit seinem Schwert getan hatte. Und siehe da: Das Blatt verwandelte sich in einen schützenden Schild, der sogar so stark war, dass er Feuer abweisen konnte.

Da endlich hörte Darius ein Geräusch. Es kam aus Richtung der Rutsche! Sofort nahm er die Rutsche ins Visier und staunte nicht schlecht, denn diese hatte sich in eine steile Felswand verwandelt. Aber Darius gab nicht so schnell auf. Wenn er genug Anlauf nehmen würde, könnte er den Felsen mit ein paar flotten Sprüngen bezwingen! Gesagt – getan! Er lief die Rutsche, die jetzt eine Felswand war, hinauf und triumphierte oben angekommen über das ganze Gartenreich hinweg!
„Sehet, ihr Leute, hier steht der kleine Ritter Darius und er wird jetzt gegen einen feuerspeienden Drachen kämpfen!“, rief er.
Der kleine Drache, der sich hinter der Rutsche versteckt hatte, war beeindruckt von Stärke und Schnelligkeit des Ritters.
„Wie hast du das geschafft?“, wollte er von Darius wissen. „Ich hatte die Felswand so verzaubert, dass niemand hinaufkommen kann!“, erklärte der Drache verzweifelt.
„Ha! Aber mich kannst du damit nicht aufhalten!“, schrie Darius.
„Schrei doch nicht so, ich habe solche Kopfschmerzen.“, jammerte der kleine Drache.
„Kopfschmerzen? Wovon denn das?“, fragte Darius.
„Ich speie schon den ganzen Tag Feuer, um die Rittersfrau davon abzuhalten, mich von hier zu vertreiben.“, weinte der Drache.
„Das ist doch keine Rittersfrau, das ist meine Mama!“, lachte Darius. „Aber wenn du willst, und aufhörst, ständig Feuer zu speien, können wir den Garten gemeinsam benutzen und zusammen spielen. Dann wird Mama dich auch nicht mehr vertreiben wollen. Versprochen!“
„Ehrlich?“, fragte der kleine Drache. „Du lässt mich mitspielen? Oh, das ist aber toll. Ja, dann verspreche ich auch, nicht mehr Feuer zu speien.“

Da überraschte Papa die beiden, als er von der Arbeit nachhause kam.
„Hallo Darius, mit wem sprichst du denn hier?“, fragte er besorgt. Darius lachte ihn aus.
„Siehst du denn nicht den kleinen Drachen? Er speit jetzt kein Feuer mehr und ihr müsst keine Angst mehr vor ihm haben!“, erklärte er und wandte sich an seinen neuen Freund. „Drache, das ist mein Papa. Der König. Und meine Mama ist die Königin. Du musst keine Angst vor ihnen haben, sie werden dir nichts tun.“
„Äh. Also ich gehe jetzt in die Küche, und schaue nach, ob die Königin das Abendessen schon vorbereitet hat.“, sagte Papa, der jetzt wirklich wie ein König aussah und mit großen, erhabenen Königsschritten davon stapfte. „Dein Freund darf gerne mit uns essen“, rief er noch, bevor er im Schloss verschwand.

„Hast du das gehört?“, freute sich Darius. „Du darfst mitkommen und mit uns essen. Und wenn du magst, darfst du auch in meinem Zimmer schlafen.“
„Oh, das ist aber nett, vielen Dank. Aber ich muss leider draußen bleiben, denn wenn ich esse und schlafe, speie ich immer ein bisschen Feuer. Das ist viel zu gefährlich.“, erklärte der Drache.
Und schon rief der König aus dem Schloss, dass das Essen angerichtet sei.
„In Ordnung, dann spielen wir morgen weiter. Ich habe gehört, es werden Kobolde in unseren Garten einfallen!“, rief Darius dem Drachen zum Abschied zu und sprang von der Felswand herunter. „Und du wirst mir helfen, sie davon abzuhalten! Gute Nacht, kleiner Drache.“
„Gute Nacht, kleiner Darius. Schlafe schön, bis morgen früh.“